Alle Tage
Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden.
Diese schonungslose Behauptung stammt nicht etwa aus unseren Tagen, obwohl sie zum Krieg in der Ukraine genauso passen würde wie zu den kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten oder in Afrika. Mit dieser Aussage beginnt das Gedicht „Alle Tage“ der großen öster-reichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann aus dem Jahr 1953, das in seiner gegen die Gewalt des Krieges gerichteten Aussage nichts an Aktualität verloren hat.
(…) Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.
Einer aus den Fugen geratenen Welt, so die Dichterin, ist nur mit einer radikalen Verkehrung der sonst üblichen Kriegstugenden beizukommen:
Nicht dem Helden gebührt Aufmerksamkeit, sondern dem Schwachen.
Statt Uniform ist Geduld angesagt und einen Orden verdient nur, wer sich einen Funken Hoffnung bewahrt hat.
Damit erinnert das Gedicht an die in der Bibel angekündigte Erschaffung eines „neuen Himmels und einer neuen Erde“ (Offb. 21), in der die gewohnten Verhältnisse auf der Erde umgestürzt werden und Gott Schmerz und Tod für immer auslöscht.
Geduld und Hoffnung zu bewahren und den Fokus auf die Unschuldigen und Opfer jeglicher Gewalt zu richten, dazu sind wir Christen aufgerufen – alle Tage!
(Das Gedicht hat zwei weitere Strophen. Auch die lohnt es sich zu lesen!)
Birgit Eichelein




